„Soul und Blues, in ihnen habe ich mich gefunden und Amerika hat mir bei ihrem Verstehen geholfen"
sagt Joseph Bobby Houda, der Gitarrist, Sänger, Componist, Arrangeur, Produzent, und Musiklehrer.

Nicht nur in diesen Berufen hat sich der heute sehr bekannte Musiker Joseph „Bobby" Houda versucht, der vor zwanzig Jahren an der renommierten Musikschule Berklee sein Studium abschloss. Als junger Stürmer und Rebell, der schon mit siebzehn Jahren in Most die Mädchenherzen mit Bigbeat erobert hatte, lernte er Osteuropa kennen, wohin er wegen der Musik und vor den kommunistischen Machthabern geflohen war. Schließlich verschwand er für mehr als zwanzig Jahre nach Amerika, um den Blues und Soul am eigenen Leib zu erfahren. Angetrieben von seinen musikalischen Träumen, Erfolgen und Misserfolgen gelangte er aus dem turbulenten New York nach Nebraska, Texas, Houston, Boston, Atlantic City, Philadelphia. Zwei Jahre nach der Samtenen Revolution kehrte der Tscheche mit einem amerikanischen Pass nach Hause zurück. Heute lebt der 58-jährige Bobby Houda in Prag, aber: „Ich bin ein Verrückter, wahrscheinlich habe ich immer noch Wanderstiefel an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich irgendwo sesshaft werde. Hier ha

Enttäuschung über das kapitalistische Tschechien
Als Bobby nach mehr als 20 Jahren aus Amerika zurückkehrte, hatte er einen genauen Plan im Kopf. Er wollte einen Durchbruch als Produzent schaffen. Die nötigen Erfahrungen hatte er schon in Philadelphia gesammelt, als Besitzer der Produktionsfirma Houdaphone. Die Ernüchterung kam jedoch schnell: „Ich wollte Aufnahmen machen, Arrangements schreiben, Talente suchen, wie in Amerika. Hier dachten sie aber, der Produzent bringt nur das Geld und niemand hatte auch nur eine Ahnung davon, was diese Arbeit alles beinhaltet," beschreibt er seine erste Enttäuschung. So ließ er sich von alten Freunden aus der Branche überreden, griff nach der Gitarre und machte sich wieder ans Spielen. Bis heute hat er bereits drei CDs aufgenommen. Die erste, Wanderer, die mit ETC... eingespielt wurde, ist vom Leben in Amerika inspiriert. In das Bewusstsein der Leute und der großen tschechischen Musikszene einzudringen, wo es oftmals ausreicht, alte Hits zu entstauben und sich mit einem neuen jungen Team und neuer Visage auf die Fer

Rebell seit der Kinderzeit
Die Musik zieht sich durch das ganze Leben von Bobby. In der Kindheit unterstützte ihn die Mutter, die Operettensängerin hatte werden wollen. Der Krieg, der Tod ihres Mannes im Konzentrationslager, das Kind war unterwegs – das alles raubte ihr jedoch diesen Traum und so unterstützte sie wenigstens bei ihrem Sohn den Hang zur Musik. „Als ich sieben war, zogen wir von meiner Geburtsstadt Kladno nach Ko_enov um, einem kleinen Dörfchen im Isergebirge. Ich war nämlich so ein mageres, unterernährtes Nachkriegskind. In den Bergen bin ich viel Ski gelaufen und habe Sport getrieben. Auch wenn wir unter schwierigen sozialen Bedingungen lebten, hat mir meine Mutter doch den Besuch der Musikschule in Tanvald ermöglicht," erinnert er sich an seine erste Begegnung mit der Musik. Der entscheidende Moment kam, als er mit 13 Jahren einen Speer gegen die Gitarre eintauschte. Dann wechselte er die Uhr, die er bei einem Skiwettlauf gewonnen hatte, gegen ein Radio ein. „Das brachte mich der modernen Musik näher. Ich fing an

Aus dem unterernährten Kind entwickelte sich in den Bergen ein kleiner Rebell. Wenn er keine Lust hatte, ging er nicht in die Schule, trank und rauchte. Durch das Zusammentreffen unglücklicher Umstände fand er sich sogar noch während der Grundschule in einer Erziehungsanstalt wieder. „Meine Mutter kam damals ins Krankenhaus und es gab niemanden, der sich um uns kümmerte. Die Schwester wurde von der Sozialfürsorge ins Kinderheim gesteckt und ich, weil ich den Ruf eines Tunichtguts hatte, in eine Erziehungsanstalt. Da waren viele Leute, die was gestohlen oder jemanden erschlagen hatten. Es hat mir dort nicht gefallen und deswegen habe ich mich mit einer Clique von Jungs verabredet, dass wir nach Polen fliehen. Ich wusste, dass die Grenze nicht weit ist. Ich war dort nämlich auf Schmuggeltour gegangen und hatte mit den polnischen Soldaten Zigarren gegen Bleistifte mit nackten Mädchen oder Sonnenbrillen getauscht. Der Ausbruch hat nur nicht geklappt und wir haben dann ein paar Tage in Einzelhaft verbracht. So nac

Die ersten musikalischen Erfolge
In den Gruben begann Bobbys Musikerkarriere. Obwohl er schon in der achten Klasse eine Band gegründet hatte, die hauptsächlich das Repertoire des Semafor-Theaters spielte und obwohl er an der Lehrstätte in Cheb im Schulorchester mitwirkte, kam der wahre Ruhm mit Schwärmen von weiblichen Fans erst mit der legendären Gruppe _vitorka, der sich später auch Le_ek Semelka anschloss. Der Name _vitorka (Gezwitscher) sollte eine Parodie auf die Blasmusik darstellen. Die Gruppe entstand unter dem Schutzschild des Betriebsausschusses der Revolutionären Gewerkschaftsbewegung, der damals die amateurhaften Bestrebungen der Jugend unterstützte. „Die Kapelle war in zwei Lager geteilt. Eines spielte harte Musik, etwa von den Rolling Stones oder den Troggs, das andere waren nette Jungs, die Songs der Beatles spielten." _vitorka wurde unter den Jugendlichen von Most bald populär und die ersten Probleme und Verbote ließen also nicht lange auf sich warten. Zum Beispiel behagte etwa das Konzert im Internat der Krankenpflegesc

Eine Verrücktenposse
Im Jahr 1966 ging Bobby zum Wehrdienst nach Pardubice. Wieder hatte er Glück mit guten Musikern um sich herum und so gründeten sie eine Gruppe. „Dort habe ich ziemlich viel gelernt. Der Militärkapellmeister hat uns ganz schön dressiert. Und wenn wir auch in Zivil und Bigbeat spielen konnten, mir passte das irgendwie nicht und ich begann darüber nachzudenken, wie ich aus der Armee verschwinden könnte." Er fing an, absichtlich das Bett nass zu machen und den Verrückten zu spielen, bis man ihn ins Krankenhaus brachte, wo er Le_ek Semelka traf, der ebenfalls versuchte, durch vorgetäuschte Herzanfälle von der Armee weg zu kommen. Obwohl Bobby auch einen dreimonatigen Aufenthalt in der Psychiatrie in Bohnice durchstehen musste, wurden er und Le_ek schließlich nach nicht ganz einem Jahr Wehrdienst entlassen. Ein weiteres Jahr lang trieb sich Bobby Houda an verschiedenen Orten herum, wechselte die Arbeitsstellen und träumte von der großen Musikerkarriere. Die Band _vitorka begann sich aufzulösen und Bobby entsc

Erster Versuch der Welteroberung
Und so erschien Bobby Houda in der Schweiz. Wieder hatte er Glück mit Musikern und sie brachten ein Rhythm und Bluesensemble aus Emigranten zusammen. Die Schweizer sprach ihre Musik nicht sehr an. Während der Woche musste Bobby hart arbeiten, um zu überleben. An den Wochenenden spielte er. Ohne Probleme erhielt er politisches Asyl, das ihm aber nicht lange half. In der Schweiz fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut. Hinzu kamen auch die ersten Erfahrungen mit Drogen. „Die Drogen taten mir nicht gut, ich war irgendwie zerrissen. Außerdem bekam ich allmählich Nachrichten von zu Hause, dass eigentlich nichts los sei, dass die Russen sich verkrochen hätten und die Musik weiter spielt. Le_ek Semelka schrieb mir, damit ich zurückkäme, dass Flamengo einen Sänger sucht und man nach mir gefragt hätte." Nach einem Jahr packte er die Koffer und kehrte trotz aller Gefahren nach Prag zurück. Den kommunistischen Organen genügte die Begründung, dass er auf Genesungsurlaub gewesen war. Inzwischen war der Schlagzeuge

Vorbildlicher Vater und Folksänger
Auch der stürmische Bobby musste sich aber schließlich unterwerfen. Die wilden Ausflüge von Ostdeutschland nach Liberec endeten mit der Gründung einer Familie. Er heiratete und zog nach Brno um. Den Lebensunterhalt verdiente er eineinhalb Jahre lang mit dem Spielen in Bars, dann arbeitete er als Lehrer an der Musikschule. Die Spaziergänge mit dem Kinderwagen im Park waren ihm eine Inspiration, er schrieb und komponierte Lieder und begann zu spielen. „Ich wurde über Nacht eine Art Folklorestar von Brno." Nur dem kommunistischen Regime wollte er sich nicht unterordnen. Die Ehe begann zu zerbrechen, es kam das Spielverbot. Die Texte vertrugen sich angeblich nicht mit der Kulturpolitik. „Es wurde mir klar, dass ich entweder einer von ihnen und etwa wie Olympic engagiert werde oder einer von denen, die unterschrieben, um Ruhe zu haben. Ich konnte wählen: Brav sein und spielen können oder Rebell werden. Wahrscheinlich hätten sie mich auch von der Schule geworfen und ich hätte irgendwo auf der Straße geendet. S

Von Belgien über den großen Teich
In Belgien kam Bobby schnell auf die Beine. Anfangs spielte er mit einem örtlichen sehr populären Sänger, der Elvis Presley nachahmte. Dann gewann er bei einem Wettbewerb und geriet in die Begleitkapelle des amerikanischen Soulmusikers Arthur Conley, „was für mich sehr viel bedeutete. Ich habe viel von ihnen gelernt." Es folgte eine Zeit der Konzertreisen durch Westeuropa. Auf politisches Asyl in Belgien hatte er nach dem schweizerischen keinen Anspruch mehr. Er reiste mit einem tschechoslowakischen Pass, den er lieber nirgends vorzeigte. Über die Grenzen gelangte er verborgen unter einer Decke oder er umging die Grenzübergänge. Mittlerweile hatte er einen Antrag auf Einreise in die Vereinigten Staaten gestellt, wohin ihn vor allem Blues und Soul lockten. Paradoxerweise verhalf ihm zur Reise nach Amerika eine russische Emigrantenstiftung, die von der Tochter Tolstois gegründet worden war." Dank der Stiftung landete Bobby Houda im Herbst 1976 in New York. Sie brachten ihn in einem Hotel voller Fixer,
In Houston begann Bobbys alter Traum von einem Studium in Berklee realere Formen anzunehmen. Er arbeitete hart und sparte für das Studium. „Ich hatte vielleicht sogar drei Jobs auf einmal. Ich arbeitete auch als singender Kellner. Zuerst habe ich die Kunden bedient und dann, wenn sie wollten, habe ich mir schnell ein buntes Hemd übergezogen und ihnen aufgespielt. Und wieder umziehen, bedienen, umziehen, spielen, und so immer weiter im Kreis herum," erzählt er heute schon mit einem Lächeln.

Der Kellner mit dem Diplom von Berklee in der Tasche
Im Jahr 1978 gelang es ihm endlich, nach Boston zu kommen und sich in Berklee einzuschreiben. Er studierte Gitarre, Harmonie, Arrangement, Gesang nach Noten, Orchesterspiel. „Schlichtweg von jedem etwas. Nach dem Abschluss sollte aus mir ein professioneller Musiker geworden sein, der was auch immer perfekt nach Noten spielen, Theatermusik komponieren und Arrangements für eine Bigband schreiben kann." Während des Studiums traf Bobby ein Unglück, das seinen großen Traum ernsthaft gefährdete. Bei einer Party wurde er von „Punkern" überfallen, die ihm die Hand so brachen, dass er sie ein Jahr lang nicht bewegen konnte. Die Gitarre, die ihn eigentlich nach Berklee gebracht hatte, musste er in die Ecke stellen. „Das war für mich ein Schock. Ich lag im Krankenhaus und wusste nicht, was weiter. Dann wurde mir bewusst, dass Musik nicht nur Gitarrespielen ist und ich habe mich auf das Schreiben von Musik und Liedern verlegt." Trotz des nicht einfachen Studentenlebens, morgens zur Schule und abends zur A

Lieber Produzent
Auf den Rat seines Professors hin begab er sich nach Atlantic City, wo gerade das Las Vegas des Ostens entstand und mehr Möglichkeiten für Musiker zu erwarten waren. Zu Anfang verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Kofferträger und Kellner und mit Gelegenheitsarbeiten in Hotels. Er schloss sich der Musikergewerkschaft an, zahlte Beiträge und wartete. „In der Gewerkschaft konnte ich erst nach einem Jahr Arbeit als Musiker bekommen, aber nur als Springer. Die, die dort länger sind und älter, haben mehr Recht auf Arbeit als die Jungen. Erst nach zwei Jahren konnte ich ordentliches Mitglied werden." In der Zwischenzeit lernte er die Arbeit des Produzenten kennen. Dieser Beruf gefiel ihm so gut, dass er sich erneut entschloss, mit dem Spielen aufzuhören. „Ich ging mit jungen Schwarzen ins Studio, schrieb Arrangements, half bei den Probeaufnahmen. Dann habe ich mir gesagt: Warum soll ich dauernd versuchen, in eine Band zu kommen, um höchstens neun Monate im Jahr Arbeit zu haben und ständig im Bus zu sc

Besessenheit im Herzen
Bobby Houda kehrte zwei Jahre nach der Revolution nach Prag zurück. Dank seines amerikanischen Passes öffneten sich ihm zu Anfang alle Türen. „Vor allem in den Weinstuben", lacht er und erzählt wieder ernsthaft: „Es kam mir alles vor wie im Traum. Dann habe ich ungefähr nach drei Monaten angefangen, mich gründlich umzuschauen und sah Flugblätter von der Art sozialistisch arbeiten, aber kapitalistisch leben. Ich wusste, dass das nicht gut gehen konnte. In Amerika hätten sie mir noch nicht mal für eine Saite einen Kredit gegeben und hier geben sie in aller Ruhe jemandem Millionen. Der läuft dann herum und wirft mit dem Geld um sich, baut sich ein Schwimmbad und vergisst, dass er eher eine Fabrik hätte bauen und den Leuten Arbeit geben sollen." Und doch ist er bis heute geblieben. Mit seiner Frau lebt er in Liberec. Er hat als Lehrer gearbeitet, schreibt Lieder, komponiert, gibt Konzerte in Tschechien, Deutschland und Österreich. Im Regal hat er drei eigene CDs und im Kopf weitere Projekte. Auch die sc

Written by: Zuzana Galova